Geschichte

100 Jahre Tambourcorps-Abteilung des TV Fredeburg 1889 e.V.

Otto Schneider
Otto Schneider

Der Turnverein Fredeburg bestand erst 5 Jahre, als der 22-jährige Otto Schneider die „Knüppelmusik“ ins Leben rief. Seine Ausbildung als Tambourmajor beim Militär, die Begeisterung und der Drang, in Fredeburg musikalisch aktiv zu werden, verhalfen dem jungen Musiker dazu, einige Turner für „seine Sache“ zu gewinnen. Es dauerte auch nicht lange, bis man in dem Fachwerkstädtchen Trommelklang und Flötenspiel hörte.

Alois Knoche
Alois Knoche

In den ersten Anfangsjahren sind leider keine Aufzeichnungen gemacht worden, man weiß jedoch sicher, dass Franz Linn und Albert Schulte zu den ersten Mitwirkenden zählten. Überlieferungen sagen, dass ihnen später Josef Fresen, Georg Schneider, Theodor Kersting, Paul Schneider und Josef Schäfer folgten. Im Jahre 1897 wurde die erste Aufzeichnung über die „Knüppelmusik“, wie damals das Tambourcorps genannt wurde, im Protokollbuch des Turnvereins vermerkt:

– Die Knüppelmusik erhält eine neue Trommel. –

Die Mitglieder der zunächst kleinen Gruppe haben es verstanden, eine Gemeinschaft gleichgesinnter Menschen zu schaffen. Aus den Anfängen dieser kleinen Gruppe mit einer handvoll Idealisten, hat sich eine blühende Verbindung und Freundschaft gebildet, die mit Begeisterung zur Musik fanden.

Durch den ersten Weltkrieg wurde der Aufbau der „Knüppelmusik“ stark behindert. Doch es fanden sich nach dieser Zeit wieder tatkräftige Turner bereit, darin mitzuwirken.Der Neuanfang war nicht leicht. Im Protokollbuch vom 07.10.1923 heißt es:
„Erlass strenger Bestimmungen für die Kn. M.“ und am 13.07.1924 ließt man: „Uneinigkeit wegen Schützenfest, Die Kn. M. soll spielen. Bei Weigerung Auflösung und Neugründung“, weiter am 22.04.1928: „Die Kn. M. ist in einem Zustand, dass ihr Bestand gefährdet ist. „
Es ist festzuhalten, dass ab 1923 von der Turnvereinsleitung Richtlinien für die Tätigkeiten des Tambourcorps herausgegeben wurden.

1927 erfolgte unter Tambourmajor Josef Fabri eine grundlegende Reorganisation. Während bis dahin, außer der Turnmütze, die so genannten „Schwalbennester“ einziges Uniformstück darstellten, trat mit der am 8. Januar 1928 in einer Vereinstagung beschlossenen Uniformierung eine entscheidende Wende ein.

1928 kam Josef Kesselschläger zur „Knüppelmusik“. Er übernahm die Ausbildung der Flötisten und führte das mehrstimmige Flötenspiel ein. Tambourmajor und Ausbilder der Trommler war Josef Fabri. Im August 1928 wurde der bisher als „Knüppelmusik“ bezeichnete Spielmannszug „Tambourcorps“ genannt.
Beim Turnfest im September 1928 trat das Tambourcorps mit neuen Uniformen auf. Am ersten Wettstreit in Fredeburg am 11. Mai 1930 nahmen 20 auswärtige Tambourcorps teil.

Das Tambourcorps Fredeburg war in den 30er Jahren eines der erfolgreichsten im oberen Sauerland, und wurde 1933 u. a. für den S.A.-Sturm Fredeburg verpflichtet. Die Mitglieder des TC. befreite man von anderweitigem S.A.-Dienst. Das Tragen der eigenen Uniform war gestattet, musste jedoch mit dem Hakenkreuz versehen werden. Ab 1934 übernahm das Tambourkorps Grafschaft diese Aufgabe.

Während des 2. Weltkrieges war die Arbeit des Tambourcorps unterbrochen. Neun alte Kameraden begannen 1946 mit dem Neuaufbau- Josef Kesselschläger, Josef Kamp, Hubert Henkel, Rudolf Linn, Polizist Schwarz, die Brüder Georg, Aloys, und Heinrich Knoche sowie Paul und Bruno Schulte-Hanses. Von diesen besonders Aktiven möchten wir einen Kameraden hervorheben, und zwar den Flötisten Aloys Knoche, der nach dem 2. Weltkrieg bis mindestens 1967 alle Flötisten ausgebildet hat.
Mit 37 aktiven Jahren war Aloys Knoche das Vorbild für viele seiner Spielkameraden. Auf Grund besonderer Verdienste im Tambourcorps wurden Aloys Knoche und Paul Schulte-Hanses zu Ehrenmitgliedern des TV Fredeburg ernannt.

In dem so erfolgreichen Tambourcorps begann 1957 eine Krise. Mit viel Mühe wurde der Verein wieder neu aufgebaut. Das wieder schlagkräftige Tambourcorps konnte im April 1961 in Fredeburg einen Wettstreit gestalten, an dem 11 Vereine des Wennerings teilnahmen. Im Jahre 1961 spielte das Tambourcorps erstmals mit Pauke, Becken und Lyra. Die ersten Metallflöten wurden 1965 angeschafft.
Ab 1963 ist es eine selbständige Abteilung des Turnvereins. Das Tambourcorps wählte aus seinen Reihen einen Abteilungsobmann (Vorsitzenden). Dieser war von 1963 bis 1969 Franz Gnacke. Sein Nachfolger wurde 1969 Benedikt Siepe.

Nachdem innerhalb kurzer Zeit wiederum einige Spielleute der „älteren Generation“ dem Tambourcorps ade sagten, begann ein grundlegender Neuaufbau mit vielen jüngeren Interessenten. Das mehrstimmige Flötenspiel wurde intensiver geprobt. Die Ausbildung an den Trommeln erfolgte nicht mehr durch „Zahlen“ sondern nach Schlagzeugnoten. Immer wieder bildete man sich in verschiedensten Kursen weiter, um dem Tambourcorps einen besseren Klangkörper zu verleihen.

Die regelmäßige Teilnahme an Wettstreiten im Siegerlandturngau und dem gesamten Sauerland machte den Fredeburger Verein darüber hinaus weit bekannt. Mit vielen ersten Plätzen konnte die schlagkräftige Musikgruppe aufwarten. Die Stabführung als Tambourmajor hatte von 1952 bis 1968 Rudi Droste.
Von 1968 bis zum heutigen Tag Josef Lauber. In diesen Jahren wurden stets Stellvertreter ausgebildet, die immer wieder mal den Major vertreten mussten. Ich glaube es ist erwähnenswert, auch die 2. Garde einmal namentlich zu nennen: Berthold Wulbeck, Robert Bahr, Reinhard Schulte, Reiner Schüttler, Rolf Schneider und derzeit Michael Grell.

Abwechslungsreiche Zeiten mit Höhen und Tiefen waren in den 60er und 70er Jahren zu verzeichnen. Bis zu 20 Personen wurden zeitweise gleichzeitig ausgebildet, viele davon hörten vorzeitig wieder auf. Das mehrstimmige Spiel reifte und man entschloss sich ab 1981 so genannte „Altflöten“ hinzuzukaufen.

Im Jahre 1970 erhielt das Tambourcorps seine zweite komplette neue Uniform. Mehrere tausend Mark mussten aufgebracht werden. Durch fleißiges Spielen zu verschiedensten Anlässen war dies möglich geworden. Die Einnahmen aus Schützenfesten in Fredeburg und umliegenden Ortschaften und diverse Anlässe trugen dazu bei. Das Tambourcorps war stolz darauf, nun wirklich einheitlich gekleidet zu sein. Beim beeindruckendem Weihnachtsmarkt in Dortmund 1972 spielen zu können, war eine Freude und besondere Ehre. 1978 wurde die dritte komplette Uniform angeschafft und zwar in den für Turnerspielmannszüge vorgeschriebenen Farben Blau-Grau.

Immer mehr Kinder und Jugendliche traten dem Tambourcorps bei, so dass hin und wieder eine reine Jugendgruppe zu verschiedenen Anlässen musizieren konnte. Die Übungsleiter waren sehr aktiv und so entschloss man sich 1981 erstmals zur Ausbildung von Mädchen. Ab 1982 nahmen regelmäßig Jugendliche an Schulungen durch den westfälischen Turnerbund teil. Viele dieser jungen Spielleute waren dadurch ab 1984 Leistungsträger im Landesspielmannszug, der u. a. mit den Fredeburger Musikern am österreichischen Bundesturnfest 1986 teilnahm.

Ab 1983 zählte das Tambourcorps erstmals über 45 aktive Mitglieder (ohne Nachwuchsspieler i. d. Ausbildung).

Zusammenhalt und positive Einstellung zur Musik und Leistung gaben immer wieder Impulse zu neuen Taten. Unterstützt in der erfolgreichen Arbeit wurden die Fredeburger Spielleute durch den Rückhalt und die Anerkennung der örtlichen Bevölkerung, der verschiedenen Vereine und Gruppen.
Motiviert von Erfolgen und funktionierender Kommunikation in den eigenen Reihen, entschloss man sich, 1987 am deutschen Turnfest in der noch geteilten Stadt Berlin teilzunehmen. Dies war einer der Höhepunkte in der schon langen Geschichte des Tambourcorps. Mit 44 Spielleuten waren die Fredeburger Musiker als stärkster Verein Westfalens vertreten. Ein Erlebnis für alle Teilnehmer, die den Wunsch äußerten, auch zum nächsten Turnfest 1990 nach Dortmund/Bochum zu fahren, was auch mit großer Teilnahme geschah.

Um die Weiterbildung der Übungsleiter und Jugendlichen zu intensivieren, entschloss man sich 1991 dem deutschen Volksmusikerbund beizutreten. Dieser hat mit dem deutschen Turnerbund gemeinsam Richtlinien für das Spielmannswesen erarbeitet. Die Verbindung mit dem Volksmusikerbund lässt zu, dass das Tambourcorps Fredeburg ortsnah an Schulungen teilnehmen kann.

Nicht unerwähnt sollen die freundschaftlichen Beziehungen zu vielen Nachbarorten sein, mit denen sich das Tambourcorps Fredeburg verbunden fühlt. Es sind in erster Linie die Ortschaften Oberhenneborn (25 Jahre) und Holthausen-Huxel (19 Jahre) in denen der Spielmannszug in ununterbrochener Folge die Schützenfesttage mitgestaltet und die Umzüge anführt. Selbstverständlich ist die jährliche Feier und verbindende Teilnahme am Freundschaftstreffen „Rund um den Wilzenberg“ der umliegenden Tambourcorps und Spielmannszüge.
Die Mitwirkung beim alljährlichen Sommersfest des Caritasheims ist für die Spielleute des Fredeburger Turnvereins Ehrensache zur Freude der dortigen Heimbewohner.

Auf die Verbindung mit der Blaskapelle Kaisersesch und der freundschaftlichen Beziehung mit wechselnden Besuchen im regelmäßigen Rhythmus, wird an anderer Stelle ausführlich eingegangen. Es war wohl der letzte Personenzug mit denen das Tambourcorps und hunderte von Fredeburgern im Mai 1991 vom eigenen Bahnhof aus in Richtung Voreifel fuhren.

Ein Vereinsausflug besonderer Art war der Besuch des Starlight-Express in Bochum 1992. Allen wird die rasante Art, sich auf Rollschuhen bewegen zu können unvergesslich bleiben.

Als Musikgruppe und Kulturträger im Kneipp-Kurort Fredeburg ist das Tambourcorps nicht mehr wegzudenken. In Anbetracht der Leistung und steter Bereitschaft, in diesen 100 Jahren, für die Musik, zum Wohle und zur Freude der aktiven Spielleute sowie der Bevölkerung im Heimatort und weit über die Grenzen Fredeburgs hinaus, wird dem Tambourcorps zum seltenen Jubiläum die höchste Auszeichnung des Bundespräsidenten für Orchester und Musikgruppen, die „PRO MUSICA -Plakette“ verliehen. In einer gemeinsamen Feierstunde der fünf Jubiläumsvereine aus Nordrhein-Westfalen wird die Plakette am Sonntag, den 15.05.1994, in Meschede durch Kultusminister Hans Schwier überreicht.

Der Einsatz der Turnermusiker ist somit wahrlich honoriert und belohnt worden.

Von Benedikt Siepe

Stand: 15. April 1994